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Schweizer Versicherung vom 30.07.2010 Tobias Ippisch, Lukas Ackermann, 5150 Zeichen |
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| Best Practice: Aus dem Unterbewussten nicht wegzudenken |
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| Ehemals Verunfallte benutzen seltener das Auto, fahren kürzere Strecken und drücken mässiger aufs Gaspedal. Das zeigt eine neue Studie, die Versicherer aufhorchen lässt. |
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Fabio M., 34, ist nervös, als er sich in seinen Wagen setzt und den Zündschlüssel umdreht. Die Erinnerung an den Unfall lässt ihn nicht los: Eine kurze Unachtsamkeit hat gereicht, um die Kontrolle über sein Fahrzeug zu verlieren und erst nach mehreren Überschlägen auf einer Wiese zum Stehen zu kommen. Ein Milzriss, mehrere Knochenbrüche – es folgten eine Operation und ein langwieriger Krankenhausaufenthalt.
Fabio M. gibt sich selbst die Schuld am Unfall: Übermüdet ist er viel zu schnell gefahren. Wird er jetzt, wo er die Risiken des Autolenkens am eigenen Leib erfahren hat, sein Fahrverhalten ändern? Und wenn ja, für wie lange? Diesen Fragen geht mit Hilfe von GPS-Daten ein aktuelles Forschungsprojekt von I-Lab und Octo Telematics auf den Grund.
Frauen verunfallen seltener
Die Studie hat das Fahrverhalten von 1600 Fahrern in Norditalien untersucht. Davon hatten rund 600 Lenker während des Beobachtungszeitraums einen Unfall. Erfasst wurden die Daten mittels modernsten Telematik-Systemen. Diese bündeln die Eigenschaften von Telekommunikation und Informatik: Technologien des Mobilfunks wie GSM und GPRS sorgen für die Übertragung der Daten, mithilfe von GPS wird das Fahrzeug lokalisiert, während verschiedene Sensortechnologien in jedem Moment das Fahrverhalten aufzeichnen. Um die Änderung des Fahrverhaltens nach einem Unfall zu untersuchen, wurden etwa die Anzahl Fahrten pro Monat erfasst, die Anzahl Kilometer und nicht zuletzt die Durchschnittsgeschwindigkeit. Verglichen wurden dabei die Werte im Monat vor dem Unfall mit denjenigen bis zu fünf Monaten danach. Die verunfallten Fahrzeuge waren dabei zu 34 Prozent auf männliche Verkehrsteilnehmer, zu 12 Prozent auf Frauen, und zu 54 Prozent auf Firmen zugelassen.
Achtung, Stosszeiten!
Die Auswertung der Daten belegt, dass Unfallfahrer vorher öfter und schneller Auto gefahren sind sowie mehr Kilometer zurückgespult haben als Fahrer der Kontrollgruppe. Wie die Grafiken zeigen, gehen unmittelbar nach dem Unfall die Werte aller Variablen zurück: Nach der Reparatur des Wagens reduziert sich die Fahrtenzahl um 11,2 Prozent, die Anzahl der gefahrenen Kilometer sinkt um 14,9 Prozent, während die Durchschnittsgeschwindigkeit um 7,1 Prozent von knapp 43 auf 39 Kilometer in der Stunde abnimmt. Bei der Kontrollgruppe können erwartungsgemäss keine Veränderungen in den drei untersuchten Kenngrössen festgestellt werden. Nach einem Unfall verändert sich das Fahrverhalten von Männern, Frauen und Firmenwagenfahrern etwa gleich. Im Schnitt reduziert sich die Nutzung privater Fahrzeuge dabei um 12,5, die von gewerblichen um immerhin 8,3 Prozent. Während zu erwarten war, dass Fahrer nach anfänglichen Unsicherheiten wieder an Selbstvertrauen gewinnen und zur Fahrhäufigkeit und -weise vor dem Unfall zurückkehren, zeigen die Messungen ein anderes Bild: Der Einfluss des Unfalls blieb im Folgezeitraum vom fünf Monaten bei allen drei Testvariablen präsent. Diese Ergebnisse widersprechen der Selbsteinschätzung der Unfallopfer aus anderen Forschungsbeiträgen. Dort haben die Verunfallten angegeben, dass sich ihr Fahrverhalten ein halbes Jahr nach dem Unfall wieder normalisiert habe. Dies lässt den Schluss zu, dass sich der Unfall dauerhaft im Unterbewusstsein verankert hat. Weiter wurde untersucht, ob die Unfallschwere einen Einfluss auf den Grad der Verhaltensänderung hat. Und tatsächlich: je schwerer der Unfall, gemessen an der Maximalbeschleunigung des Fahrzeugs, desto grösser der Rückgang an Fahrten in der Unfallfolgezeit. Im Verhältnis zu gemachten Fahrten ist das Unfallrisiko in den Stosszeiten sowie in der Nacht zwischen 2 und 3 Uhr am höchsten.
Interessant für Versicherer
Was bedeuten diese Ergebnisse für die Versicherungswirtschaft? Versicherer täten gut daran, die Erkenntnisse in ihr Risiko-Pricing einfliessen zu lassen. So können beispielsweise Bonus-Malus-Systeme, die bislang Unfallschwere und den Grad möglicher Verhaltensbeeinflussung nicht berücksichtigt haben, entsprechend angepasst werden. Mittels Telematik besteht weiterhin die Möglichkeit, Fahrer zu identifizieren, die nach einem Unfall rasch in das alte risikobehaftete Fahrverhalten zurückkehren. Diese könnten über Fahrtenbücher und Daten zum Fahrverhalten vor und nach dem Unfall oder mit Fahrertrainings zu vorsichtigerem Fahrverhalten angehalten werden. Stellen Telematiktechnologien im Fahrzeug eine Gefahr oder eine Chance für die Versicherungsbranche dar? Das eCall-System, das heute in den Startlöchern steht und ab 2014 Standard in neuverkauften Fahrzeugen in der EU werden wird, gilt es für Versicherer zu nutzen. Besondere Bedeutung kommt dabei den Daten zu, die sowohl unternehmensintern, für Kunden, aber auch für branchenfremde Unternehmen von Interesse sein können. Wie die Untersuchungen zeigen, können die Daten etwa für Zwecke der Marktforschung, Raumplanung oder für Fragen des Marketings genutzt werden. Hier können Versicherungen eine Aggregatorfunktion einnehmen, falls es ihnen gelingt, Zugriff auf die Daten zu erlangen sowie die Kompetenz aufzubauen, um diese Daten auszuwerten.
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