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Schweizer Versicherung vom 30.07.2010
Dmitrij Gawrisch, 5490 Zeichen
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Best Practice: Mehr als Schiessen und Marschieren
 
Die Versicherungsbranche will bei ihrer Kaderausbildung künftig mehr auf die Armee setzen. Besonders attraktiv ist die militärische Führungsausbildung fürs jüngere und mittlere Management.
 
Wer heute Karriere machen will, kann sich nicht mehr allein aufs Fachwissen verlassen. «Persönlichkeit, Sozial- und Führungskompetenz sind für Leistung und Erfolg ebenso entscheidend», sagt Urs Berger, CEO der Mobiliar. Dabei gilt natürlich auch für die Führungskompetenz: Je früher man sie sammelt, desto besser. Doch wo kann man das?

«Natürlich in der Schweizer Armee», sagt André Blattmann. Seit Jahren bemüht sich der Armeechef, der angestaubten Offiziersausbildung einen frischen Anstrich zu geben. Dabei ist es ihm sogar gelungen, sich mit dem Gegner von einst zu verbünden, nämlich der Wirtschaft, die in den letzten Jahrzehnten keine Gelegenheit ausgelassen hat, die Offizierslaufbahn abzuwerten, weil ihr die häufigen militärbedingten Abwesenheiten ein Dorn im Auge sind.
Der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) ist der erste Branchenverband, der seinen Mitgliedern aktiv rät, bei der Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden auch eine Offizierslaufbahn ins Auge zu fassen. Gespräche mit der Industrie und der Bankiervereinigung laufen noch.

«Beste praktische Führungsausbildung»

Um die Wirtschaft für sich zu gewinnen, hat die Armee die militärische Kaderausbildung den Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst. Neben Kursen in Militärgeschichte, Sicherheitspolitik und Taktik stehen etwa Führung, Kommunikation und Psychologie auf dem Curriculum. Wer die Offiziersausbildung erfolgreich abschliesst, kann ganz oder teilweise die folgenden vier Zertifikate erwerben: Kommunikation, Konfliktmanagement, Führungstechnik und Führungspsychologie. Diese werden von der Schweizerischen Vereinigung für Führungsausbildung verliehen, sind eidgenössisch anerkannt und machen die militärische Ausbildung damit vergleichbar mit ihren zivilen Pendants. Zudem bemüht sich die Armee nach Aussage Blattmanns, kulanter mit Verschiebungsgesuchen aus beruflichen Gründen umzugehen.
Um Firmen und ihre Kader von den Vorteilen des Offizierlehrgangs zu überzeugen, führen Armeeverantwortliche immer wieder das Praxisargument ins Feld. «Die Armee bietet die beste praktische Führungsausbildung in der Schweiz an», ist Blattmann überzeugt. Diese sei besonders fürs jüngere und mittlere Kader attraktiv. Wo sonst könne man ab dem 20. Altersjahr Führungserfahrung sammeln, so Blattmann.
Wie das geht, hat etwa Philipp Mischler vorgemacht. Der heute 35-jährige Generalagent der Mobiliar in Interlaken hatte als Oberleutnant bereits mit 22 Jahren das Kommando über einen Zug von bis zu 40 Soldaten. Mit 26 führte er als Hauptmann bereits 250 Personen. Das kann nicht jeder CEO von sich sagen.
Nicht zu vernachlässigen sind neben den Netzwerken, die im Militär geknüpft werden, auch die Kosten der militärischen Ausbildung für die Unternehmen. Während bei zivilen Ausbildungen nicht selten fünfstellige Studiengebühren anfallen, an denen sich der Arbeitgeber oftmals beteiligt, ist die militärische Ausbildung für Unternehmen kostenlos. Abwesend seien Mitarbeiter, die sich weiterbilden, so oder so, meint Blattmann. «Im Fall von zivilen Weiterbildungen müssen die Unternehmen aber für die Abwesenheiten auch noch bezahlen.»

Nichtschweizer benachteiligt

Blattmann macht kein Geheimnis daraus, dass er sich mehr Frauen in den Offizierslehrgängen wünscht: «Je mehr Frauen, desto höher ist die Leistungsbereitschaft im Kurs», sagt der Kommandant. Auch die Sprache würde sich in Reichweite weiblicher Ohren hörbar mässigen. Wenn dagegen Nichtschweizer ihre Führungskompetenzen verbessern wollen, bleibt ihnen einzig der Weg an die Universität oder an eine Fachhochschule: Zu den Offizierslehrgängen der Schweizer Armee sind sie weiterhin nicht zugelassen.

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Nachgefragt

«Trotz scharfem Geschütz Ruhe bewahren»

Joe Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank

Was konnten Sie im Laufe Ihrer Karriere aus der Zeit im Militär am besten anwenden?
Joe Ackermann: Zunächst vor allem Führungserfahrung in sehr jungen Jahren. Das ist in der Privatwirtschaft in diesem Mass kaum möglich. Besonders wichtig erscheint mir, dass man lernt, unter wirklich widrigsten Bedingungen, Zeitnot und Stress, Entscheide zu fällen.
Und wie passiert das?
Ackermann: Es geht um eine saubere Lagebeurteilung, die entsprechenden Massnahmen und die Kontrolle über die Durchführung. Darin gleichen sich erfolgreiche Führungsoperationen im zivilen wie im militärischen Bereich.
Sie sind ja «Gefechtslärm» gewohnt – militärisch und zivil. Was ist Ihr Rat?
Ackermann: Auch das habe ich im Militär gelernt: trotz scharfem Geschütz Ruhe zu bewahren. Aber wahrscheinlich ist mir auch zugute gekommen, dass ich in einer ländlichen Gegend aufgewachsen bin. Dort lernt man leichter, sich in schwierigen Situationen auf seine ureigenen Fähigkeiten zu besinnen. Womit wir wieder bei der militärischen Ausbildung sind: Auch dort lernt man, diese Fähigkeiten bis an die Grenzen auszuloten.
Was raten Sie heutigen Ausbildungsverantwortlichen?
Ackermann: Ich masse mir nicht an, solche Ratschläge zu erteilen. Aber so viel kann ich sagen: In diese Curricula sollten die Vielfalt der heutigen Gesellschaft und die Anliegen der verschiedenen Gruppierungen einfliessen. Das heisst nicht, dass man allen Ansprüchen gerecht werden kann, aber man muss die Bedürfnisse und Anliegen derer, die man ausbildet, und derer, die man später militärisch oder in der Wirtschaft führt, kennen.

INTERVIEW: Mélanie Knüsel-Rietmann

 
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