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Schweizer Versicherung vom 26.02.2010 Kurt Speck, 11982 Zeichen |
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| Langlebigkeit: Die Risiken von Pensionskassen absichern |
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| Die Finanzbranche will mit neuen Indizes die Voraussetzungen schaffen, dass sich steigende Pensionsansprüche aufgrund der längeren Lebensdauer über den Kapitalmarkt abfedern lassen. Noch bleibt viel Aufklärungsarbeit zu leisten. |
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Das Phänomen ist bekannt: Die Menschen in den Industrieländern werden immer älter. Eine bessere Gesundheitsversorgung, die bewusste Ernährung und nicht zuletzt entscheidende Durchbrüche in der Krebs- und Alzheimerforschung heben den Alterdurchschnitt bei Frauen und Männern. Studien zeigen, dass die Lebenserwartung heute von einem Jahr aufs andere um drei Monate steigt.
Mit Basisrisiko
Das fordert die Lebensversicherer und die Vorsorgesysteme heraus. Für Fabian Rupprecht, Leiter Einzelleben bei der Axa Winterthur, gibt es zwar Lösungsansätze beim Umgang mit der Langlebigkeit, nur sind sie noch nicht weit gediehen. Bei einem Workshop zum Thema Vorsorge verwies er auf die Longevity Bonds, die allerdings erst in spärlicher Zahl vergeben wurden. Als Gegenpartei bei solchen Langlebigkeitsanleihen kann sich Axa-Manager Rupprecht etwa «die Pharmabranche oder Pflegeheimbetreiber vorstellen, die vom längeren Lebenszyklus profitieren». Rückversicherungen stufen solche Szenarien zurückhaltend ein. «Langlebigkeitsanleihen beinhalten in der Regel ein Basisrisiko, das heisst, die Indexpopulation entspricht nicht vollumfänglich der versicherten Population», sagt Christian Mumenthaler, Leiter Life & Health bei Swiss Re gegenüber «Schweizer Versicherung» (siehe «Nachgefragt»). An die Pharmaindustrie und die Betreiber von Pflegeheimen denkt er dabei nicht primär. Ähnlich wie bei den Insurance Linked Securities dürften die Kapazitäten für Langlebigkeitsabdeckungen an den Kapitalmärkten anfänglich von spezialisierten Fonds bereitgestellt werden.
Erste Longevity Bonds
Anders als bei den Insurance Linked Securities gibt es bei den Longevity Bonds erst einen kleinen Markt. Es existieren bereits Kapitalmarktlösungen, die den Handel mit Langlebigkeitsrisiken ermöglichen, diese sind aber nur äusserst begrenzt einsetzbar und noch kaum standardisiert. Mit Langlebigkeitsanleihen können sich die Verkäufer von Annuitätenprodukten gegen die potenzielle Unterschätzung von Sterblichkeitsrisiken absichern. Emittiert werden diese Bonds in geringem Umfang von einigen Rückversicherern. Die Funktionsweisen sind unterschiedlich: Zum Beispiel wird die Höhe der jährlichen Coupon-Auszahlung an den Anteil der noch lebenden Bevölkerung eines bestimmten Jahrgangs gebunden. Denkbar ist auch, dass die Tilgung des Longevity Bonds gekürzt wird, sobald ein Sterblichkeitsindex einen vorbestimmten Wert überschreitet. Finanzmarktexperten rechnen nur mit einer allmählichen Neuordnung der Kapitalanlageportfolien. Die Pensionsfonds und Lebensversicherer haben sich bisher als stetige und bei grundlegenden Änderungen äusserst vorsichtige Anleger erwiesen. Das gilt speziell auch für die Schweizer Pensionskassen. Für Herbert Brändli, Chef der B+B Vorsorge und Präsident der Sammelstiftung Profonds mit 2000 angeschlossenen Firmen und rund 30 000 Versicherten, ist «Langlebigkeit kein Risiko, sondern eine Chance». Die Altersvorsorge sei kein Versicherungsfall, weil man sich mit der Bildung von Reserven langfristig darauf vorbereiten könne. Einzig zur Absicherung von Todesfall und Invalidität brauche es eine Versicherung. Die längere Lebenserwartung verliert Pensionskassenexperte Brändli deshalb nicht aus dem Auge: «Mit unserem Anlage-Portfolio sind wir in der Lage, die notwendigen Leistungen zu erbringen.» Er bleibt jedenfalls für den Schweizer Markt skeptisch, wenn nun die Rückversicherer ein neues Geschäftsfeld suchen.
Entschädigungsbasierte Transaktionen
In Grossbritannien hat Swiss Re kürzlich erstmals eine Transaktion zur Deckung von Langlebigkeitsrisiken mit einer lokalen Vorsorgeeinrichtung abgeschlossen. Der Schweizer Rückversicherer sichert den britischen Royal County of Berkshire Pension Fund gegen die Langlebigkeitsrisiken in dessen 1,7 Milliarden Franken umfassenden Rentenverpflichtungen ab. Dies ist nicht nur die erste Langlebigkeitsdeckung für eine Pensionskasse, sondern weltweit auch der erste Transfer von Langlebigkeitsrisiken zugunsten einer staatlichen Institution. Die britische Pensionskasse zahlt regelmässig Prämien an Swiss Re. Im Gegenzug versichert der Rückversicherer die variablen Rentenleistungen, deren Kosten von der Lebensdauer der rentenberechtigten Mitglieder abhängen. Während die Pensionskasse weiterhin für die Anlagestrategie und die Zahlung der Renten verantwortlich bleibt, wird Swiss Re die je nach Langlebigkeitsentwicklung positiven oder negativen Abweichungen absorbieren. Mit dieser Versicherungslösung zeichnet sich auch bereits ab, in welche Richtung die künftigen Absicherungen gehen. In einer ersten Phase werden es vor allem entschädigungsbasierte Transaktionen zur Deckung von Langlebigkeitsrisiken sein. Die Märkte für Risikoabsicherungsprodukte wie Longevity Bonds sind noch nicht weit genug entwickelt, um ausreichenden Schutz zu bieten. Potenzielle Emittenten wie Rückversicherer oder auch die Pharmaindustrie geben sich zurückhaltend, obwohl sie als Gewinner der alternden Gesellschaft als Anbieter von Langlebigkeitsanleihen in Frage kämen. Die Ursachen dürften in erster Linie bei der unzureichenden Kalkulationsbasis liegen.
Indizes für die Risikobewertung
Die Finanzbranche will die Datenlücke im Bereich der Langlebigkeit nun schliessen. Langfristige Risiken von Pensionsfonds sollen wie die Gefahr von Naturkatastrophen über den Kapitalmarkt abgesichert werden. Konzerne wie Swiss Re, Axa, Prudential, Deutsche Bank und die Royal Bank of Scotland haben zu Beginn dieses Jahres eine Vereinigung gegründet, die Grundlagen für den Handel mit diesen Risiken legen soll. Unter dem Namen Life and Longevity Markets Association (LLMA) entwickelt die Vereinigung notwendige Indizes, die zur Richtschnur für die Bewertung von Risiken aus Langlebigkeit und Mortalität werden sollen. Experten sind sich einig, dass die Entwicklung guter Benchmarks eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz von Versicherungslösungen mit Kapitalmarktinstrumenten ist. Zudem braucht es intensive Aufklärung bei den Investoren. Die jüngsten Aktivitäten im Schoss der LLMA zeigen, dass es mit der Schaffung und Verbreitung neuer Sterblichkeits- und Langlebigkeitsindizes vorwärtsgeht. Bis anhin war das ein wenig dynamisches Feld. Ein Versicherer sieht sich bei Verträgen mit Verrentungsoption dem Problem ausgesetzt, die Lebenserwartung über einen langen Zeitraum im Voraus abzuschätzen und in der Tarifierung zu berücksichtigen. Üblicherweise wird diese Abschätzung nur in loser Folge vorgenommen und die Lebenserwartung als unverändert angenommen. Gemäss den Untersuchungen von statistischen Ämtern nimmt aber die Sterblichkeit kontinuierlich ab, sodass Versicherungsverträge tendenziell unterpreist werden. Im Extremfall reicht dann die Versicherungsprämie nicht aus, um die Versicherungsleistung zu bedienen.
Neue Regulierungen begünstigen
Der Bedarf an Absicherungen im Bereich der Langlebigkeit ist ausgewiesen. Da die Langlebigkeit nicht mit bestehenden Anlageklassen korreliert ist, lässt sie sich auch nicht mit üblichen Kapitalmarktinstrumenten absichern. Finanzinnovationen werden zudem durch neue Regulierungen begünstigt. Im Fall des Langlebigkeitsrisikos sind wegen der verschärften Rechnungslegungsvorschriften in den letzten Jahren Anreize für die Verwalter und Träger von Vorsorgeeinrichtungen entstanden. Damit sich ein Markt entwickelt, braucht es auch die notwendige Liquidität. Sie wird sich einstellen, sobald sich die Marktteilnehmer auf eine standardisierte Vertragsspezifikation geeinigt haben.
------ Nachgefragt: «Bei Langlebigkeitsrisiken besteht ein Nachholbedarf»
Christian Mumenthaler, Leiter Division Life & Health, Swiss Re, zum Marktpotenzial im Vorsorgebereich.
Die Lebenserwartung steigt. Weshalb wird das Langlebigkeitsrisiko nur in begrenztem Umfang von Kapitalmarktlösungen abgedeckt?
Christian Mumenthaler: Insurance-linked Securities haben sich als Risikotransferlösungen für Versicherer und als Anlagen für institutionelle Investoren etabliert. Allerdings beschränkten sich diese Lösungen bis vor kurzem auf Extremrisiken im Sach- und Mortalitätsbereich. Bei Langlebigkeitsrisiken besteht in der Tat Nachholbedarf. Ein Grund hierfür ist die langfristige Natur dieser Versicherungsrisiken. So übersteigt ihre Laufzeit von bis zu 60 Jahren jene der etablierten Kapitalmarktlösungen um ein Vielfaches. Entsprechend schwierig war es für Kapitalmarktteilnehmer bislang, diese Risiken zu bewerten und ihnen einen Preis zu geben.
Was braucht es, um den Markt für die Übertragung von Langlebigkeitsrisiken zu fördern?
Mumenthaler: Damit sich neue Kapitalmarktlösungen durchsetzen, braucht es standardisierte robuste Benchmarks in Form von Langlebigkeitsindizes, Transparenz und vor allem Marktliquidität. Die Investoren müssen die Chancen und Risiken dieser Verbriefungen kennen, hier ist Aufklärungsarbeit zu leisten.
Swiss Re hat vor kurzem ihre erste Langlebigkeitstransaktion im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit einer britischen Pensionskasse abgeschlossen. Worin bestehen die Herausforderungen für den Versicherer?
Mumenthaler: Wie bei jedem anderen Versicherungsrisiko hängt auch hier alles von der korrekten Tarifierung ab. Entsprechend wichtig ist es, die gegen das Langlebigkeitsrisiko abzusichernden Rentenleistungen in allen Einzelheiten zu verstehen. Präzise Daten, etwa zur Entwicklung der Lebenserwartung, sind für die Preisbildung und die Risikobewirtschaftung absolut zentral.
Werden solche Langlebigkeitsrisiko-Transfers auch für andere Märkte, etwa die Schweiz in Erwägung gezogen?
Mumenthaler: Aufgrund der steigenden Lebenserwartung entwickelt sich das Langlebigkeitsrisiko zu einer der grössten globalen Herausforderungen. Pensionskassen, Unternehmen und Regierungen sind enormen Langlebigkeitsrisiken ausgesetzt. Doch die Deckung für Langlebigkeitsrisiken ist seitens des Privatsektors knapp. Risikotransfers wurden bislang vornehmlich in Grossbritannien durchgeführt. Weitere Märkte werden folgen.
Wie hoch schätzen Sie das Marktpotenzial ein?
Mumenthaler: Der Transfer von Langlebigkeitsrisiken birgt grosse Wachstumschancen für den Rückversicherungssektor. Das Volumen des Langlebigkeitsmarktes beträgt laut OECD weltweit 25 000 Milliarden Franken. In Grossbritannien allein sind es rund 3300 Milliarden Franken, in der Schweiz rund 600 Milliarden Franken.
Vor Jahren wurde für den britischen Markt eine Langlebigkeitsanleihe begeben. Seither ist in diesem Bereich praktisch nichts mehr geschehen. Wie kommt das?
Mumenthaler: Es haben seither durchaus weitere Transaktionen stattgefunden. Doch Langlebigkeitsanleihen beinhalten in der Regel ein Basisrisiko, das heisst, die Indexpopulation entspricht nicht vollumfänglich der versicherten Population. Auch müsste ein zu grosser Anteil der Reserven investiert werden, damit man mit solchen Anleihen effektiv gegen Langlebigkeitsrisiken abgesichert wäre. Versicherungslösungen hingegen sind entschädigungsbasiert und haben diese Nachteile nicht: Die Versicherungsleistung entspricht genau den Verpflichtungen der versicherten Vorsorgeeinrichtung.
Welche Kapitalmarktlösungen werden künftig für den Vorsorgebereich im Vordergrund stehen?
Mumenthaler: Die meisten Gläubiger, beispielsweise Pensionskassen, werden sich die benötigte Deckung nicht direkt am Kapitalmarkt beschaffen. Sie werden, zumindest auf kurze bis mittlere Sicht, um Versicherungskapazität nachfragen. Da diese Kapazität angesichts der Grösse der Langlebigkeitsrisiken begrenzt ist, müssen langfristig zusätzliche Quellen erschlossen werden. Aus diesem Grund treiben wir die Entwicklung eines liquiden Kapitalmarkts für den Handel von Langlebigkeitsrisiken voran – eine Pionierarbeit, die wir bei den Insurance Linked Securities bereits erfolgreich geleistet haben.
INTERVIEW: Kurt Speck
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Keine Unternehmen zugeordnet.
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